digital, real
Malerei Hanspeter Hofmann / Thomas Werner



Ausstellung: 5. September 2018 – 22. März 2019 
die Mobiliar, Bundesgasse 35, Bern 
Öffnungszeiten:
Mo – Fr 7 – 17 Uhr 
Pressetext 

Kunst & Nachhaltigkeit Vol. 10: digital, real – Teil 2,
Malerei Hanspeter Hofmann / Thomas Werner

Mit «digital, real» starteten wir letztes Jahr ein dreiteiliges Projekt, in dem wir uns aus der Perspektive der Kunst mit dem digitalen Wandel beschäftigen. Im zweiten Teil stellen wir nun die Malerei ins Zentrum. Uns interessiert, wie dieses traditionelle Medium auf Themen wie virtuelle Welten und künstliche Intelligenz reagiert. Denn kaum eine Kunstgattung wurde durch die technischen und gesellschaftlichen Entwicklungen immer wieder so stark herausgefordert wie die Malerei – und hat sich auch dadurch immer wieder neu erfunden.

Wir haben zwei Maler eingeladen, die man auf den ersten Blick nicht mit digitalen Bildwelten verbindet: Hanspeter Hofmann und Thomas Werner. Und doch erscheinen ihre Arbeiten wie zeitgenössische Reflexionen auf die fliessenden Prozesse zwischen digitaler und realer Welt. Hofmann und Werner holen sich Impulse aus Wissenschaft und Forschung, lassen sich von der heterogenen Bilderflut im Internet anregen und reagieren mit ihrer Bildästhetik auch auf Lifestyle-Phänomene. Beide Künstler interessiert ein fragmentiertes, ein in sich nicht geschlossenes Bild der Wirklichkeit – experimentell, unerwartet, irisierend.

Thomas Werner (geb. 1957) lebt in Frankfurt am Main. Er studierte an der Kunstakademie in Karlsruhe bei Georg Baselitz. Ganz anders der in Basel lebende Hanspeter Hofmann (geb. 1960): Nach einer erfolgreichen Karriere in der Chemieforschung entschied er sich erst Anfang der 1990er-Jahre für die Kunst. Zwei Maler, zwei unterschiedliche Biografien – doch was sie beide verbindet, ist ihr analytischer Forscherblick und ihr tiefes Interesse an der emotionalen Kraft von Malerei. Hanspeter Hofmann und Thomas Werner konnten ihre Werke bereits international in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen präsentieren, sie sind in namhaften Sammlungen vertreten. In Bern werden beide Künstler zum ersten Mal ausgestellt.





Hanspeter Hofmann
PLEASURE CENTERS



Ausstellung: 7. September – 9. November 2018 
Galerie Anke Schmidt  
Schönhauser Str. 8, 50968 Köln 
www.galerieankeschmidt.com 
Öffnungszeiten:
Di – Fr 11 – 18 Uhr,
Sa 12 – 18 Uhr 
Text: Ingo Niemann 

Im Juni 2018 besuchte der Autor Ingo Niermann Hanspeter Hofmann in dessen Basler Atelier und ließ sich die Arbeiten der Ausstellung “Pleasure Centers” zeigen. Das Wechselspiel technischer und manueller Reproduktion in Hofmanns Bildern inspirierte Niermann zu folgendem Text.

Bald werden Maschinen in der Lage sein, jede stabile materielle Konstellation von überschaubarer Größe mikroskopisch genau zu reproduzieren. Nur mit Planeten und Lebewesen wird es noch dauern. Wollen Menschen sich mit Handgemachtem gegen die maschinelle Reproduktion behaupten und nicht andere Lebewesen missbrauchen, dann bleibt ihnen nur, an sich selbst Hand anzulegen.

Das Streben nach individueller Selbstoptimierung wird oft als Ausgeburt einer grenzenlosen kapitalistischen Verwertungslogik oder eines auf die kapitalistische Entsolidarisierung zurückzuführenden Narzissmus und Hedonismus verstanden. Doch sie antizipiert auch eine nahe Zukunft, in der sie das Einzige ist, was der Einzelne problemlos und zweifelsohne tun kann. Auch das Einzige, was sich einer eindeutigen Verwertung entzieht, da man im Besitz eines Unikats allein den Preis bestimmen kann. Ein vollständiger und dauerhafter Verkauf unserer selbst ist uns in liberalen Gesellschaften sogar verboten. Selbst wenn Menschen Unsterblichkeit erlangen würden, könnten sie sich darum noch immer nicht dauerhaft einer Sammlung oder einem Museum übereignen, wird nicht gleich die ganze Welt, wie von Nikolai Fjodorow imaginiert, in ein Menschenmuseum verwandelt.

Auch das Unikat ist vor allem und seit der Postmoderne explizit Reproduktion. Zunächst wird noch erwartet, dass die Reproduktion zumindest von Hand erfolgen und als solche originell sein muss, aber wenn das Material ein Lebewesen ist, dann verwandelt dieses automatisch jede applizierte Reproduktion in ein Unikat. Selbst wenn sich die Reproduktion für Außenstehende von anderen nicht unterscheidet, nimmt doch niemand sie wahr wie man selbst.

Eben da eine solche Kunst höchstens dokumentierbar und nicht wirklich erwerbbar ist, kann sie in der auf das Sammeln und Ausstellen ausgerichteten Kunstwelt zunächst nur eine marginale Rolle spielen. Das ändert sich mit der Einführung des Internets. Die Dokumentation von Kunstwerken auf einer mit geringen Mitteln geführten Website oder einem kostenfreien Social-Media-Account ist der in einem Museum in ihrer Archivfunktion ebenbürtig und in ihrer Zugänglichkeit sowie ihrer fortwährenden Fortschreibbarkeit weitaus überlegen.
Museen bleibt die Macht der Selektion, eben weil sie nur sehr begrenzt lagern und ausstellen können. Ein Museum muss nur mit einer begrenzten Anzahl anderer Museen konkurrieren, die alle zu erreichen enorm viel Zeit und Geld kosten würde. Allerdings wächst, allein schon weil ein Museum sich nicht von Beständen trennen darf, auch deren Zahl und Größe kontinuierlich an. Und auch wenn man Menschen nicht musealisieren kann, so kann man doch feststehende, von Menschen errichtete Strukturen unter Denkmalschutz stellen und nicht-menschliche Natur in Reservate verwandeln. Auch deren Zahl und Größe wächst beständig.
Während die Welt von Massenprodukten überflutet wird, wächst zugleich das Bestreben, alles, was dauerhaft einen bestimmten Platz einnimmt, als Unikat zu schützen und zu werten. Bald wird jedes Steinchen archiviert und zertifiziert sein wie ein Kunstwerk. So ist die Welt tatsächlich dabei, sich in ein Museum zu verwandeln, doch für Menschen ist darin nur noch als (konkurrierende) Sammler, (gelangweilte) Wächter, (zahlende) Besucher und (unbezahlte) Bestreiter des Public Programs Platz. Frei bewegen und musealisieren können sich Menschen nur virtuell.

Text: Ingo Niemann